Erwachsenenbildung
Was ich beim Unterrichten selbst lerne
Unterrichten bedeutet für mich auch, selbst dazuzulernen. Über Rückfragen, neue Perspektiven und die Bereitschaft, das eigene Vorgehen zu hinterfragen.
Sadri Selimica. 2 Minuten Lesezeit

Bildnachweis: KI-generierte Illustration auf Basis eigener Fotos.
Wer unterrichtet, vermittelt Wissen. Das ist zumindest die naheliegende Vorstellung. Für mich gehört aber auch die andere Seite dazu: bereit zu sein, selbst dazuzulernen.
Denn im Unterricht treffen nicht nur Fragen auf Antworten. Es begegnen sich unterschiedliche Erfahrungen, berufliche Realitäten und Sichtweisen. Gerade in der Erwachsenenbildung bringen die Teilnehmenden vieles mit, das sich in keinem Lehrmittel vollständig abbilden lässt.
Meine Erklärung ist nicht der Massstab
Ein Thema zu kennen und es verständlich zu erklären, sind zwei verschiedene Dinge. Was für mich logisch erscheint, muss für mein Gegenüber noch lange nicht nachvollziehbar sein.
Eine Rückfrage ist deshalb nicht einfach eine Unterbrechung. Sie kann ein Hinweis darauf sein, dass ein Zwischenschritt fehlt, ein Begriff unklar geblieben ist oder ein anderes Beispiel helfen würde.
Die entscheidende Frage lautet nicht: «Habe ich das erklärt?» Sondern: «Können die Teilnehmenden damit etwas anfangen?»
Dieser Perspektivenwechsel ist für mich ein wichtiger Teil guten Unterrichts.
Erfahrung verdient Raum
Teilnehmende kommen mit eigenen Arbeitsweisen, Herausforderungen und Lösungsansätzen in den Unterricht. Ein Modell aus dem Lehrmittel trifft dabei auf einen Betrieb, in dem die Voraussetzungen vielleicht ganz anders aussehen.
Genau dort wird es interessant.
Wenn jemand fragt, wie sich ein Ansatz unter Zeitdruck, mit knappen Ressourcen oder in einem kleinen Team umsetzen lässt, reicht es nicht, die Theorie zu wiederholen. Dann müssen wir gemeinsam prüfen, was übertragbar ist und wo ihre Grenzen liegen.
Als Dozent muss ich nicht jede betriebliche Realität besser kennen als die Menschen, die täglich darin arbeiten. Meine Aufgabe ist es, fachlich einzuordnen, Zusammenhänge sichtbar zu machen und das Weiterdenken zu unterstützen.
Nicht auf alles sofort eine Antwort haben
Gerade bei Themen wie künstlicher Intelligenz gehört dazu auch, Unsicherheit offen anzusprechen.
Ich möchte nicht den Eindruck vermitteln, auf jede Frage sofort eine gesicherte Antwort zu haben. Ein ehrliches «Das weiss ich noch nicht, das müssen wir prüfen» ist für mich wertvoller als eine schnelle Antwort, die nur überzeugend klingt.
Auch das vermittelt etwas: Lernen bedeutet nicht, jederzeit alles zu wissen. Es bedeutet, Fragen ernst zu nehmen und sorgfältig mit dem umzugehen, was man noch nicht weiss.
Nach dem Unterricht geht das Lernen weiter
Für meine eigene Weiterentwicklung sind deshalb nicht nur die vorbereiteten Inhalte wichtig. Es sind auch die Fragen, die offenbleiben:
Wo habe ich zu viel vorausgesetzt? Wo hätte ich mehr Zeit zum Ausprobieren geben können? Und welcher Gedanke der Teilnehmenden verdient es, beim nächsten Mal aufgegriffen zu werden?
Unterricht ist für mich keine fertige Leistung, die ich immer gleich wiederhole. Er ist eine Aufgabe, bei der ich selbst aufmerksam bleiben muss.
Ich bringe Fachwissen und Erfahrung mit. Die Teilnehmenden bringen ihre Perspektiven mit. Wenn beides Raum bekommt, können wir voneinander lernen.
Ich unterrichte, um Lernen zu ermöglichen. Und lerne dabei selbst weiter.